Wie Kinder in den Bergen – Almlebenleichtigkeit

 

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Hoch geht’s, hinauf geht’s, auf unsere Almhütte. Nun ja, zumindest fühlt es sich inzwischen nach „unserer“ an, wir pflegen unsere Tradition „Auszeit-im-Villnösstal“ nun schon seit 6 Jahren.

1 Jahr zu zweit und frisch verliebt.

1 Jahr zu zweit, aber doch nicht ganz, also … schwanger. 🙂

Und die restlichen Jahre dann – klar – zu dritt.

Wie sagt man doch so schön? Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd‘. „Ob der Spruch wohl was damit zu tun hat?“ meinte der gedrungene, braungebrannte Hüttenbesitzer Max mit den gletscherseeblauen Augen schmunzelnd. „Bisch holt a richtigs Bergkind.“ und zwickte dem Emil in seine Pausbacke.

Aber Bergkinder, das sind auch wir. Vor allem dort oben, im Angesicht der Aferer Geisler und des prächtigen Peitlerkofels, dessen abendlicher Schein die Weideflächen zum Leuchten bringt. Und wenn eine kühle Höhenbrise der wilden Wiese sanft durchs Gras fährt, verneigen sich Glockenblumen, Arnika und Margeriten ehrführchtig vor ihm.

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Den Berg auf der Haut

Ich möchte barfuß sein. Den ganzen Tag. Die Tautropfenwiese unter den Fußsohlen spüren, das feuchte Moos, wenn ich über die sumpfige Anhöhe schreite, den Kiefernnadelteppich, im nahen Wäldchen, die runden Steine, wenn ich durch den klirrkalten Bach schreite. Ich möchte ganz pur sein, wildes Haar haben, die Hände grün, vom Kräuter sammeln. Die Natur fühlen, den ganzen Tag, davon kann ich nicht genug bekommen. Ich möchte Wiese atmen, Holz und Heu.

Keine Uhren weit und breit. Stromlos. Nicht vernetzt. Und sofort ändert sich die Zeit, irgendwie.

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Der Selbst-Rhythmus

Hier nimmt man sich die Zeit für das, was man tut. Kaffee kochen am Morgen, zum Beispiel. Man braucht kleine Späne. Die müssen erstmal gehackt werden. Dann muss Feuer gemacht werden, im alten Herd. Bei Tiefdruck dauert’s seine Zeit und man pustet sich die Wangen rusig und die Augen tränend. Alles dauert so lange es eben dauert.

 

Der Tag beginnt mit Frühstück auf der Blumenwiese. Im Sonnenschein. Bei Bienensummen, einem fernen Muhen vielleicht, mit dem Specht, der – so wie man selbt – sich ganz dem eigenen Takt hingibt.

Es gibt kein Muss mehr. Was tun mit so viel Freiheit? Streifzüge durch die Wälder, einen Blumenkranz flechten, einen Gipfel erklimmen, die Kälbchen der nahen Alm besuchen, ein Buch lesen, einfach in der Sonne schlafen, Teekräuter pflücken oder auf ein Baumhaus klettern? Alles.

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Du, komm mit, ich zeig‘ dir was …

Zur Dämmerungszeit aber, nehmen wir unser Fernglas, du und ich, und wir begeben uns auf Streifzug. Wir setzen uns einfach in den Wald, du und ich, und lauschen. Und mit jeder Minute der Stille, erwacht der Wald mehr und mehr zum Leben.

Mesner-Alm-Villnöss-1Einswerden, mit dir, mein Kind

Deine kleine, warme Hand in meiner, so waten wir durch das vor Regen weiche Gras. Wir streicheln sanft über das Moos, hören, wie die Ästchen unter unseren Schritten knacken. Deine wachen Augen strahlen, im goldgelben Licht der Dämmerung. Wir sprechen nicht, wir schleichen und spähen nach den Rehen. Wir müssen nicht reden, um uns zu verstehen. Unsere Gesichter strahlen sich an. Unsere Herzen auch. In diesem Moment, im tiefen Wald, sind wir ganz eins, du und ich. So wie es einst war. So wie es immer sein wird. Mein Waldkind. Wir Waldkinder.

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Das Kind in uns

Und Kinder sind wir alle drei, hier oben. Wir spielen verstecken, wir basteln Pfeil und Bogen. Wir spielen Schatzsuche, schnitzen und lassen Schiffchen schwimmen. Und Kinder bleiben wir auch abends noch, wenn der Kleinste sich schon hinterm Ofen eingemummelt hat. Wir rollen Dämmerhügel hinab, wir küssen uns im abendkühlen Gras, wir machen uns Omlettes mit reichlich Schokolade darin zum Nachtisch, sehen lustige Sternformen am Nachthimmel und wollen bei Karten- und Würfelspielen unbedingt gewinnen.

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Und zu Kindern werden auch all die Freunde, die uns hier besuchen. Sie staunen übers Lagerfeuer, schmatzen beim Essen vor Berghunger, singen alte Lieder, denken sich Spiel um Spiel aus, necken sich, tanzen im Gras.

 

Mitternacht am Jägerstand

Trunken vor Schnaps und Glück schleichen wir zum Nachtwald, zum Jägerhochstand, rufen den Jäger herab zu uns, bieten ihm einen Schlummertrunk an. Hier oben ist doch jeder Freund. Wir lauschen seinen Geschichten von mächtigen Hirschen und riesigen Geweihen, von pfeilschnellen Feldhasen und dicken Dachsen, von geschickten Gämsen, Steinböcken und flinken Rehböcken. Und wir fragen Löcher in den Bauch, um noch mehr von dem zu verstehen, was uns so begeistert: Diese Dolomitenlandschaft, diesen Fleck wilde Welt.

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Ein bisschen Berg zum Mitnehmen

Mit jedem Kilometer, den sich das Auto die Bergstraße hinabwindet, steigt die Erinnerung an den Alltag. Ein sms, eine Mail, ein Anruf. Verkehr, Verkehrsschilder, Schnelligkeit.

Doch noch halten wir die Langsamkeit in uns fest. Noch spüren wir das Kind in uns. Und viel, viel Berg.

Mia.

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