Warum Ende Anfang war

Des Nachts im schwarzen Kinderzimmer
glimmte noch ein stiller Schimmer
unter einer dicken Deck` –
sie hatte sich unterm Bett versteckt.
Die Taschenlampe in der Hand
glitt sie in ihr Lieblingsland,
das sich in einem Buch befand,
in eine Geschichte, die niemals endet,
einst geschrieben von Michael Ende.

 

„Die unendliche Geschichte“ – der Titel klang schön,
weil Märchen ja immer zu schnell vergeh`n.
In ein Buch eintauchen ohne Zurück –
eine Geschichte für immer – schönstes Glück!
Denn diese Welt, buchaußerhalb
schien ihr oft leer und ziemlich kalt,
so ganz ohne Feen und Ungeheuer,
ohne Magie, ohne Zauber und Abenteuer
diese Welt des Alleinseins fürchtete sie
Schutz und Zuflucht bot ihr Fantasie.
Sie klammerte sich an den einen Satz:
In Büchern finden Heldinnen Platz.

 

Fahl saß die Familie ums Frühstück herum,
traurige Blicke, leer und stumm,
denn Vater war schon wieder fort –
war einfach gegangen, ohne ein Wort.
Insgeheim wusste sie aber bestimmt,
dass Heldinnen dafür stark genug sind.

 

Und jeden Tag, zur Abendstund,
spielte ein Lächeln um ihren Mund,
da glitt die Angst des Tages von ihr
und sie flüsterte: Die Nacht gehört mir!
Schon sah` sie sich fliegen, über Wolken gleiten,
auf einem Pferderücken durch bunte Prärien reiten
mit steinernen Riesen am Feuer hocken
einem Orakel Geheimnisse entlocken.

 

Auf einem weißen Glücksdrachen schweben,
und wilde Kämpfe überleben.
Das Böse besiegen, für das Gute einsteh`n
und einmal die Kindliche Kaiserin seh‘n
um ihr einen neuen Namen zu geben,
möge auch sie unendlich leben!
Die Welt retten, allein durch der Wünsche Kraft –
kleine Heldinnen an die Macht!

 

Stunde um Stunde, Wort für Wort
träumte sie sich an den magischen Ort,
Und über den Seiten schlief sie ein,
um am Morgen doch wieder zurück zu sein.
Sie versuchte den Alltag noch zu verdrängen
den gelebten Träumen nachzuhängen.
Sie klammerte sich an den Zauber der Nacht,
doch es war zu spät – sie war schon wach.

 

In der Schule saß sie leis`
im montäglichen Morgenkreis,
wo alles von Erlebtem berichteten – doch sie
gebrauchte viel lieber Fantasie.
Sie erzählte von Räubern, von Zwergen,
von bösen Königinnen und Wilden in Bergen –
und hatten auch alle darüber gelacht,
diese Geschichten gaben ihr Kraft.

 

Des Nachts im schwarzen Kinderzimmer
glimmte noch ein stiller Schimmer
unter einer dicken Deck,
da hockte sie wieder – in ihrem Versteck.
Sie blätterte zur letzten Seite hin
und wartete auf einen Neubeginn.
Doch Michael Ende blieb seinem Namen treu:
nein, dieses Buch begann nicht wieder neu.
Nein, da stand nichts mehr geschrieben –
vom Versprechen des Titels war nichts geblieben.
Tränen rannen ihr übers Gesicht,
unendlich war auch dieses Buch nicht.

 

Seitdem waren die Jahre verronnen
– so viele Geschichten hatten neu begonnen!
Noch heute darf das Buch sie begleiten,
sie flieht manchmal gern in unendliche Seiten,
denn heute weiß sie: es ist wahr,
dass des Buches Ende einst Anfang war.
Es hatte ihr damals den Mut gegeben,
selbst Abenteuer zu erleben
und so schrieb sie ihn neu, den Satz:
Heldinnen haben überall Platz!

 

Sie ist eine Heldin, wie es viele hier sind,
denn wer hatte es schon immer einfach als Kind?
Sie weiß heute: sie ist nicht allein
mit diesem Gefühl anders zu sein.
Stille Heldinnen gibt es haufenweise,
sind die stärksten Frauen, nicht immer ganz leise?
Heute hat sie den Mut ihre Träume zu leben,
und für ihre Ziele alles zu geben.
Heute schreibt sie ihre eigenen Geschichten
und schreibt sie auch nieder, in Form von Gedichten.

 

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