Sans Souci oder die alte Rese

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Es wirkt fast ein bisschen fehl am Platz, das Häuschen, irgendwie dazwischengeschoben, so ein bisschen wie vergessen, wie es da so still steht, zwischen den schicken, neu erbauten Reihenhäusern, die den Gartenweg unlängst zur Wohngegend mit wunderbar ländlichem Charme erklärt und ihn im Nu erobert hatten. Ein bisschen sieht es aus, wie einer Kinderzeichnung entsprungen: ein spitzes Ziegeldach mit Kamin, ein paar Fenster mit weinroten Jalousien und Spitzengardinen, ein schlichter Balkon, blumenbehangen. Da klammert sich ein alter Rosenstock an den Holzzaun und Mohnblumen strecken ihr flatterhaftes Köpfchen durch die sonnengegerbten Bretter des Gartentors. Der Garten – bewusst nicht überpflegt, so einladend wild, wie das Flair, das das Haus umgibt. „Sans Souci“ – ohne Sorgen, steht da in Schnörkelschrift an die nicht mehr ganz weiße Hausmauer geschrieben und trifft die Idylle, die sich da dem Vorübergehenden bietet, auf den Punkt.

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Manchmal, im Sommer, steht der grüne Gartenstuhl im Schatten einer Akazie, nahe der von Efeu bedeckten Südmauer. Die Flickendecke liegt über seine Lehne geworfen, eine Brille und ein Kreuzworträtselblock warten im Gras, so als hätte sich jemand gerade vom Sonnengenuss erhoben, um sich ein erfrischendes Getränk aus der Küche zu holen, wäre aber gleich wieder zurück. Manchmal, ich muss es zugeben, habe ich ein Weilchen gewartet, dort am Zaun, einfach um zu sehen, wer dort lebt. Denn – wer auch immer es auch sein mag – er lebt hier bestimmt tatsächlich ganz ohne Sorgen. Sans Souci. Und wie ein rundum sorgenfreier Mensch wohl aussehen mag, das frage ich mich schon.

In all den Jahren, die ich nun in der Straße lebe, habe ich immer nur Spuren des Bewohntseins entdeckt, rund ums „Sans Souci“. Mal ein offenes Fenster, mal ein noch aufgeschlagenes Buch auf dem grünen Gartenstuhl, mal ein Paar knallgelbe Gartenstiefel vor dem Ringelblumenbeet. Doch getroffen hab‘ ich nie jemanden. Und die Neugier wuchs in mir. Warum heißt das Häuschen „Sans Souci“? Ich nahm mir fest vor, zu fragen, sollte ich eines Tages dem Bewohner begegnen.

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Die Schwüle an jenem August-Nachmittag war so drückend, dass ich wohl gebückter ging als sonst, ganz langsam nur einen Schritt vor den anderen zu setzen vermochte. Der Anstieg zu Beginn des Gartenwegs, dort wo der Kies in Asfalt überging, schien steiler als sonst. Über mir und meinen Einkaufstüten braute sich ordentlich was zusammen. Die Wolken – schwarzviolett – grollten schon bedrohlich, knurrten mich an, ich solle mich gefälligst mehr beeilen, wenn ich trocken zuhause ankommen möchte. Fast hätte ich mein Innehalten am Häuschen auch vergessen, zu Boden blickend, schleppend.

Und da stand sie am Gartentor. Und sie war ganz genau so, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Grüßdich!“ sagte die sichtlich betagte Dame am Gartentor. Ihre sonnengebräunte Hand, von Altersflecken übersät, zupfte an den letzten Blüten des Rosenstocks, mit der anderen strich sie sich zwei schneeweiße Haarsträhnen aus dem Gesicht, die ihrem Haarnetz, das einen Knoten im Nacken zusammenhielt, wohl entkommen waren. „Wohin denn so eilig?“ fragte sie, als ich vor Überraschung nicht gleich zurück grüßte. „Nachhause, rasch, bevor das Gewitter kommt.“ Ich muss sie wohl etwas zu neugierig gemustert haben – sie streckte den Arm über den Zaun. „Therese“ stellte sie sich vor und wir schüttelten uns die Hände, zwischen denen immerhin bestimmt mehr als 50 Jahre Unterschied lagen. „Aber man nennt mich Rese.“ Erste, schwere Tropfen fielen aus den nunmehr schwarzen Wolkenballen in unsere Gesichter. Rese schmunzelte. „Warum denn rasch nachhause? Wer zu sehr eilt, verpasst das Beste im Leben. Regen macht schön! Nicht nur im Mai. Da rühr‘ ich mich doch besser nicht so schnell vom Fleck.“ In ihren hellgrauen Augen lag etwas Neckisches und sie verriet mir zwinkernd:Ich mag den Geruch von Sommerregen, wenn er auf den heißen Asfalt fällt.“ 

Sie haben ein hübsches Häuschen, Rese.“ sagte ich. „Ja, ja, das mag wohl sein. Etwas in die Jahre gekommen ist es mittlerweile, so wie die Hausherrin. Da bröckelt auch schon der Verputz. Aber das macht nichts. Solange man noch fit im Köpfchen und in den Beinen ist …“ Sie tippte sich an die Schläfen. „Bei mir ist mit meinen 102 Jahren noch alles richtig, im Oberstübchen! Und wie siehts bei Ihnen aus?“ Wir lachten. „Tja, da bin ich mir nicht immer so sicher.“ gab ich zu.

Plötzlich blitzte es über den Bergen und ich zuckte zusammen. „Jetzt aber, Rese – ich schau zu, dass ich nachhause komme. Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, ich hoffe, Sie wieder zu treffen!“ Ich ging weiter, nun nicht mehr ganz so eilig, hielt eine Tasche voll mit Gemüse in die Höhe zum Gruß und fühlte mit Entzücken die erfrischenden Sommerregentropfen auf der Haut und im Haar.

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Denk dir nur!“ sagte ich beim Abendessen und als der Mann nicht gleich vom Teller hochblickte baute ich Spannung auf: „Du wirst nicht glauben, wem ich heute begegnet bin.“ Ich erzählte ihm von der alten Rese. „Und?“ fragte der Mann. „Und – was?“ „Weißt du‘s jetzt? Also wieso das Haus „Sans Souci“ heißt, meine ich?“ Da fiel mir ein, dass ich wohl vor Überraschung ganz vergessen hatte, zu fragen. Und doch – ich war mir auf einmal vollkommen sicher, was mir Rese geantwortet hätte. „Ja,“ sagte ich zum Mann, „jetzt weiß‘ ichs. Das Haus heißt „Sans Souci“ weil man darin 102 Jahre alt werden kann, ohne den Humor zu verlieren.“ Doch der Mann hatte nur mit einem Ohr zugehört und murmelte:Wer auf dieser Welt ist schon frei von Sorgen.“ „Jener, der darauf achtet, nicht zu sehr zu eilen, um das Beste nicht zu verpassen. Den Geruch von Sommerregen auf heißem Asfalt, zum Beispiel.

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