Marias Zeit – Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Es war einmal. So beginnen die meisten Märchen. Oder aber mit „Vor gar nicht allzu langer Zeit“. Womit wir ja eigentlich schon beim Thema wären, doch – wir wollen hier ausnahmsweise mal nichts überstürzen. Immer schön der Reihe nach. Marias Märchen begann nicht mit „Es war einmal“, sondern mit „Dasmachtachtfünfundsiebzig“.

 

„Dasmachtachtfünfundsiebzig.“ schnarrte die Frau an der Kasse noch einmal – dieses Mal etwas lauter – um die kleine, blasse Person mit den glitzernden Tröpfchen in der Mütze – ein paar dicke Schneeflocken hatten sich in der Wolle verfangen und waren inzwischen geschmolzen – aus ihren Tagträumen zu holen. Maria fuhr zusammen, zog mit den Zähnen an einem Finger ihres Handschuhs, um selbigen auszuziehen und somit besser in ihrer Brieftasche wühlen zu können. „Hier, bitte.“ Sie legte einen Schein und ein paar Münzen auf die dafür vorgesehene Ablage und beeilte sich Milch, Brot, Spülmittel und Eier in ihren Stoffbeutel verschwinden zu lassen, um dem nächsten Kunden an der Kasse Platz zu machen, denn darum hatte die Dame an der Kasse gebeten – freundlich, aber bestimmt. Maria wandte sich rasch, um zu gehen, als sie geradewegs und mit voller Wucht in eine Männerbrust erheblichen Umfangs rannte. „Mensch!“ schnaubte sie. Hinter einem dichten Vollbart und dem dicken Gestänge einer Hornbrille erkannte sie das Gesicht, das zum massigen Körper gehörte. „Ahahah, wen haben wir denn da? Ist das nicht die Maria – ach, glatt! Ja, sag’ einmal, wie geht’s dir denn immer, wir haben uns so lange nicht gesehen und die Kleine, die ist doch bestimmt schon groß geworden jetzt, ach, geht sie etwa schon in den Kindergarten, sag’ einmal? Nein, wie die Zeit vergeh! Sie vergeht einfach viel zu schnell.“ Bei Maria lösten Redeschwalle solcher Art immer reichlich Unbehagen aus, da sie nie genau wusste, wann sie denn jetzt mit den Standard-Antworten auf die Standard-Fragen einhaken sollte. „Gut, ja, sicher, aber natürlich, ja, die Zeit vergeht, ja, sie werden viel zu schnell groß, ja, ja, danke …“ murmelte sie, in einem fort nickend, und entschuldigte sich, mit der Ausrede, dass die Parkuhr wohl noch ablaufen würde, wenn sie sich nicht beeilte. Onkel Balthasar war ein außergewöhnlich gesprächiger Geselle, vor allem, wenn er nach den Chorproben wieder den Umweg über den Marktplatz genommen hatte, wo sich der Glühweinstand befand. Da seine purpurrote Nase und eine eindeutige Fahne davon zeugten, machte sich Maria lieber aus dem Staub. „Diese jungen Leute … immer in Eile. Verstehe einer diese Hektik, noch dazu so kurz vor Weihnachten.“ brummte der Onkel Balthasar ihr hinterher, sich den schwarzen Bart streichelnd und sein neues Smalltalk-Opfer anpeilend – die Frau an der Wursttheke.

„Na, der hat gut reden“, grummelte Maria innerlich, während sie mit klammen Fingern im Beutel nach ihren Autoschüsseln fischte und dabei – verflucht noch eins – ein Ei zerbrach. „Verdammt!“ Nein, die alten Leute hatten so rein gar keine Ahnung, wie das Leben heute so spielt, mit Kindern und Arbeit und Alltag und überhaupt. Natürlich nicht – wie sollten sie auch. Früher war eben alles anders. Nicht besser, nicht schlechter – sie würde sich niemals anmaßen weder das eine noch das andere zu behaupten, denn sie wusste ganz genau: man konnte Früher nicht einfach so mit Heute vergleichen. Aber ganz bestimmt verlieft das Leben insgesamt einfach langsamer, damals, die Welt hatte sich irgendwie gemächlicher gedreht, als sie es heute tat, woran auch immer das liegen mochte. Manchmal, so wie jetzt gerade, wie sie so mitten im Schneetreiben stand, mit dem kaputten Ei im Beutel, das ihr durch den Taschenstoff schon auf ihre Schuhspitze tropfte, dem LKW, der ihr bei seinem Wendemanöver geradewegs die Abgase ins Gesicht hustete und der Uhr, die ihr zeigte, dass sie gerade mal 4 Minuten hatte, bis sie die Kleine Jessi abholen musste, fühlte sie sich wie mitten im Schleudervorgang der Alltagswaschmaschine. Unter ihrem dicken Mantel hatten sich Schweißperlen gesammelt, die ihr jetzt die Brust hinunter liefen. Sie seufzte und deponierte die Tasche samt kaputtem Ei auf den Boden vor dem Rücksitz. Sie würde sich später darum kümmern.

Es war schon finster, kurz vor 17.00 Uhr. Und am Himmel funkelte der erste Stern, irgendwie – so hatte es zumindest den Anschein – heute ganz besonders hell. Auch in ihren Augen glitzerte etwas. Das waren Tränen, denen sie jedoch auch dieses Mal nicht gestatten würde ihr die Wangen hinunterzulaufen. Sie schluckte sie einfach weg. Dieses Jahr hatte sie für Weihnachten noch gar keine Zeit gefunden. Und das stimmte sie so traurig, dass sie tagsüber häufig einen Kloß im Hals verspürte. Sie hatte sich auf das Kekse backen mit Jessi gefreut. Auf abendlichen Kerzenschein und auf die ewig gleichen kitschigen Weihnachtslieder. Sie wollte sich in Decken kuscheln und alte Filme schauen, die sie schon als Kind immer gesehen hatte, und sie wollte sich so ganz insgesamt wieder daran erinnern, wie das so war, damals, als kleines Mädchen, vor 30 Jahren. Als sie noch an Zauber glaubte. An Engel, die beschützen. An Sterne, die den Weg weisen. An das Christkind und die Magie und all das. An Märchen und Geschichten. Nun, an letztere glaubte sie nach wie vor. Die wenige Zeit, die ihr im Moment für sich selbst blieb, verbrachte sie an ihrem Schreibtisch, Geschichten träumend und in ihren Laptop tippend. Dann tauchte sie ganz ein, in das, was sie da erfand und festzuhalten versuchte. Sie malte mit Worten, in den wildesten Farben. Sie freute sich an Reimen, Sätzen, wählte ihre Buchstaben so voller Bedacht und las sich laut vor, was da geschrieben stand, um sich am Klang der Laute zu erfreuen. Sie weinte mit ihren Figuren, wenn ihnen etwas Schlimmes widerfuhr, freute sich über Happy Ends. Sie trug die Geschichten oft wochenlang mit sich herum, bis sie endlich dazu kam, sie zu vollenden. Und, egal wie lange das oft dauern mochte – sie wurde ihrer Gedanken und Ideen niemals überdrüssig. Das Schreiben erfüllte sie, gab Sinn, dort wo sie manchmal keinen erkennen konnte. Es half ihr dabei, Emotionen zu verarbeiten, die sie tagsüber hin und wieder zu überwältigen schienen. Denn Menschen, mit viel Fantasie, Menschen, die gerne schreiben, neigen nun mal dazu, auch das eigene Leben als Geschichte zu betrachten. Solche Menschen leben die Dramaturgie ihres Alltags ganz besonders intensiv.

„Schau’ hier – ich hab’ eine neue Geschichte geschrieben!“ sprang sie in dann spät nachts noch in die Küche, den leuchtenden Laptop im Arm. „Das ist doch schön.“ murmelte der Mann im Pijama, Zettel oder Gedanken ordnend, rauchend. „Die musst du mir irgendwann mal vorlesen.“ sagte Josef später, als er sich die Zähne putzte und beim Reden auf den Spiegel spuckte.

„Ach, da hab’ ich letztens ein Gedicht dazu geschrieben!“ erwähnte sie manches Mal, im Gespräch mit Freundinnen, wenn es um ein bestimmtes Thema ging. Doch auch diese gingen nicht wirklich auf ihre Aussage ein, fragten nicht genauer nach. Die Frage „Ach wirklich? Erzähl doch mal!“ oder die Aufforderung „Komm, lies doch mal vor!“ blieben meistens aus. Und sie konnte das auch wirklich verstehen, sie nahm es nicht persönlich. Denn wer hatte schon Zeit, sich eines ihrer Märchen anzuhören? Wer interessierte sich heutzutage noch für gereimte Texte? Es ging doch allen genau so, wie ihr selbst: Das Leben hatte einen fest im Griff, man versuchte im Hamsterrad des Alltags den vorgegebenen Takt zu halten und dabei nicht vollends außer Puste zu kommen. Da fanden Geschichten keinen Platz. Wenn Maria eine Malerin gewesen wäre, oder eine Fotografin etwa, dann hätte sie die Freude an ihren Werken wesentlich besser teilen können. Denn was Bilder betrifft, reichten Augenblicke für einen ersten Eindruck aus. Bei einer Geschichte aber, war das anders. Eine Geschichte braucht Zeit. Viel Zeit. Zum Reifen, zum Schreiben und – eben auch zum Lesen oder Hören. Man muss sich die Zeit wirklich nehmen wollen. Eintauchen wollen. Sich einer Geschichte ganz bewusst zuwenden, damit diese Gefühle und Gedanken einnehmen und wirken kann. „Aber du schreibst doch für dich selbst, nicht für die anderen!“ pflegte man ihr zu sagen, als sie es wagte, zuzugeben, dass sie manchmal ein wenig enttäuscht war, dass sich keiner für das, was sie schrieb zu interessieren schien. Aber – was ist die Freude an den Worten, was ist Freude überhaupt, wenn sie nicht geteilt werden kann? Malt ein Maler nur für sich selbst? Fotografiert ein Fotograf, um den festgehaltenen Moment dann für sich zu behalten?

Mit den Fingern strich sie – eins nach dem anderen – über die vielen kleinen Händchen, die sich da in Ton verewigt hatten und die sie die Stufen des Kindergartens nach oben begleiteten. Sie hörte schon das Glucksen, das Quietschen, das Brabbeln der Kleinen. Und da erkannte sie Jessi, mitten im bunten Kindergetümmel, im etwas zu weiten Strickpulli, um dessen Kragen sich die braunen Locken kringelten. Sie hopste, wie die meisten anderen Knirpse auch, wild zwischen den Spielsachen herum. „Ja, die Weihnachtsvorfreude merkt man den Kindern ganz schön an.“ Da war dieses entschuldigende Lächeln der Betreuerin, die offensichtlich erleichtert darüber war, dass sich ihre Tagschicht nun dem Ende zu neigte. Und Jessi, die breit grinste, als sie ihre Mama entdeckte, ihre Reihe blitzweißer Mäusezähnchen zeigte. Jessi, die Marias Hand nahm. Beim Schuhe Anziehen prasselten die Fragen auf Maria herein. „Aber ist denn morgen gar kein Kindergarten mehr? Ja, und wann ist denn dann Weihnachten nun genau? Und warum kommt das Christkind denn nicht früher, warum muss man denn immerzu warten? Warten ist doof. Und das Christkind, kommt es denn auch bestimmt? Vielleicht hat es keine Zeit?“ „Wie kommst du denn darauf?“ Maria nestelte nervös an Jessis Schuhband herum, das sich verknotet hatte. „Nun ja, alle sagen doch immer, dass die Zeit nie reicht. Alle haben davon immer viel zu wenig. Was, wenn es das Christkind nicht schafft, zu allen Kindern nachhause zu kommen?“ Maria nahm Jessi beschwichtigend bei der Hand und zog sie nach draußen, wo der Schnee nun eher als Schneeregen vom Himmel fiel. Und sie dachte über Jessis Aussage nicht weiter nach. Erst später, am Abend, da sollte sie ihr dann wieder einfallen.

Das kleine Mädchen lag im Bett und sah’ friedlich und satt und selig aus und Maria wurde wie immer ganz warm und leicht ums Herz, beim Anblick der schlafenden Kleinen. In der Küche indes wurden die letzten Handgriffe schwungvoll und Marias Meinung nach zu laut erledigt. Sie setzte sich an den Tresen in der Küche und nahm eine Liste zur Hand, deren Punkte sie nacheinander abzuhaken begann. „Die Gartenschere für Opa Kaspar. Erledigt. Die neue Vase für die Tante Magdalena. Haben wir. Die alte hat ihr Jessi zerbrochen, damals, weißt du noch, das hatte sie uns schon übel genommen, auch wenn sie das nie so gesagt hat.“ Der Mann nickte und wischte gedankenverloren an ein paar Gläsern herum. „Es fehlt schon noch so einiges.“ Maria legte die Stirn in Falten, zog eine Augenbraue hoch und klopfte mit der Rückseite des Bleistifts rhythmisch auf den Tisch. „Da fehlen noch so einige Geschenke, allerdings fehlen nur noch drei Tage bis Weihnachten. Das passt nicht gut zusammen. Und mir gehen die Ideen aus.“ „Vielleicht schenken wir einfach das, was am meisten gebraucht wird heutzutage.“ Josef seufzte und gähnte dann. Maria verstand sofort, was er meinte. 

Der eine Stern leuchtete in jener Nacht tatsächlich heller als sonst. Mittlerweile glaubte Maria nicht mehr, es sich einzubilden. Da steckte bestimmt wieder irgend ein besonderes Himmelsphänomen dahinter, so wie damals beim Blutmond, von dem sie erst am nächsten Tag in der Zeitung gelesen, sich aber des Nachts noch so über seine Größe und sein Orange gewundert hatte. Wie auch immer. Sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette und schaute dem Rauch nach, der sich vor ihr in der Kälte zusammenringelte. Sofort wurde ihr schlecht, weil sie ja eigentlich schon seit Jahren mit dem Rauchen aufgehört und sich im Grunde nie wieder danach gesehnt hatte. Heute allerdings, war ihr einfach nach Rauchen zumute. Ihren Blick lies sie über die Dorfdächer schweifen und den Tag dabei Revue passieren. Kater Melchior streifte um ihre Beine, schnurrte laut. Da war er auch wieder, der Kloß im Hals. Da war der Onkel Balthasar wieder, der ihr sagte, wie schnell die Zeit doch verging. Da war die Dame an der Kasse, die sie gebeten hatte, doch Platz zu machen, weil alle hinter ihr ja auch in Eile waren. Da war das zerbrochene Ei, dessen Fleck gewiss noch auf der Fußmatte des Wagens zu sehen war, da sie noch nicht dazu gekommen war, sich ihm zu widmen. Da war die kleine Jessi, die sich so auf Weihnachten freute und sich sorgte, ob denn das Christkind auch genügend Zeit für alle haben würde. Und Josef, ihr Mann, dem es wohl gerade nicht anders erging als ihr, und dem sie noch nicht gesagt hatte, dass sie das wusste und dass sie ihn verstand, weil sich die Gelegenheit noch nicht geboten hatte. Während der gesamten Adventszeit nicht. Da war diese Liste, die wollte, dass man sich noch um allerlei Dinge kümmerte. Marias Gedanken zogen mit den schwarzen Wolken weg, in den tiefen Winterhimmel.

Noch drei Tage bis Weihnachten. Heute, vor 2020 Jahren, waren zwei Menschen auf der Suche nach einer Unterkunft. Vielleicht in eben genau so einer Nacht. Die Zeit drängte, denn die Frau spürte, dass die Zeit gekommen war: Das Baby wollte zur Welt kommen. Niemand mochte sich der beiden Suchenden annehmen, denn wegen einer Volkszählung waren alle Herbergen schon besetzt. Zeitgleich waren drei Könige aufgebrochen und einem hellen Stern gefolgt, denn sie wussten, ein ganz besonderes Kind sollte bald geboren werden. Geschenke. Ja, sie hatten auch Geschenke mitgebracht. Weihrauch wollten sie dem Kind schenken. Gold und Myrrhe. Das Wertvollste, das man damals geben konnte. Was hätten die drei Waisen aus dem Morgenlande heute wohl an Geschenken mitgebracht?

Maria blickte hoch zum Stern. Und plötzlich hatte sie eine Idee. Eilig drückte sie die Zigarette aus, schlüpfte durch die Balkontür nach drinnen ins Warme und setzte sich an ihren Schreibtisch. Denn nun, auf einmal, wusste sie ganz genau, was sie dieses Jahr verschenken wollte.

Geschichten brauchen Zeit. Und war Zeit nicht das kostbarste, das man sich heute geben konnte?

Langsam, fast ehrfürchtig, öffnete sie ihren Laptop. Gleich würde sie fest und bewusst an alle denken, die ihr lieb und wichtig waren. An alle Menschen in ihrem Leben, für die sie dankbar war. An jene, denen sie etwas schenken wollte, das besonders wertvoll und irgendwie auch ein wenig außergewöhnlich war. Ein Lächeln spielte um ihre Augenwinkel und aus ihren Gesichtszügen wich die Sorge. Ihre Finger zitterten ein wenig vor Vorfreude, als sie zu tippen begann. Vielleicht, ja, vielleicht würde sie diese Geschichte sogar laut vorlesen, unter dem Weihnachtsbaum. Dann könnte man gemeinsam für einen Moment innehalten und versinken und Worte für die Dauer eines Textes einfach auf sich wirken lassen.

Dann begann sie zu schreiben:

Es war einmal. So beginnen die meisten Märchen. Oder aber mit „Vor gar nicht allzu langer Zeit“. Womit wir ja eigentlich schon beim Thema wären, doch – wir wollen hier ausnahmsweise mal nichts überstürzen. Immer schön der Reihe nach. Marias Märchen begann nicht mit „Es war einmal“, sondern mit „Dasmachtachtfünfundsiebzig“. Ja, so sollte diese Geschichte beginnen.

share it, if you like

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*