Mama.

Riemensandalen und weite, weiße Blusen. Den Kleidungsstil und das
Hinterfragen sinnentleerter Wohlstandsideale hast du aus deiner Hippie-
Jugend mit in die 80er genommen.
Du warst schön. Trotz Stirnfransen und Dauerwelle. Du warst Lehrerin, so
wie deine Mutter es dir vorgemacht hatte, doch nur während der
Schulzeiten besannst du dich darauf, Vorbild zu sein. In deiner Freizeit
hörtest du mit Freunden Pink Floyd Schallplatten, gingst auf Parties in
Wohnungen, klettertest zu gut aussehenden Männern aufs Motorrad. Mit
deinen tiefblauen Augen und dem kecken Blick erobertest du Herzen, ohne
es zu wollen. Du hast dich auch selbst ein ums andere Mal fallen lassen,
hast der Liebe blind vertraut – das allerdings ganz bewusst, denn das
Verliebtsein mochtest du schon immer.
Frei sein bedeutete für dich, anders zu sein, als man es sich von dir
erwartete. Du solltest abends nachhause kommen, bliebst aber bis zum
Morgen. Du hättest Fürbitten sprechen sollen, und zitiertest Hermann
Hesse.
Du lebtest wild und ungestüm, noch ein bisschen wie ein
Kind, damals. Wie das Kind, dessen Vorbild einst Pippi Langstrumpf war,
jene Pippi Langstrumpf, die niemals Erwachsen werden wollte. Und ein
Kind erwartetest du dann auch. Im Alter von 21 Jahren.
Ich war dann da, habe dich verunsichert. Ich habe dir Grenzen gezogen,
von denen du noch nicht wusstest, dass es sie gibt und ein ums andere
Mal hast du versucht, sie zu überschreiten. Gegen deine Liebe für mich
aber, konntest du nicht ankommen. Noch heute erzählst du mir, dass ich
das schönste Baby weit und breit war und ich habe dir geglaubt, bis
heute, da ich selbst Kinder habe und weiß, dass jede Mutter von ihren
Kindern so denkt.
Heute weiß ich auch, wieviel Mut es kostet, Kinder nicht nach Mustern zu
erziehen, sondern sie ganz einfach mitzunehmen auf der eigenen
Lebensreise. Ich war Teil deiner Reise, von der du damals noch nicht
einmal ahntest, wohin sie führen sollte. Eigentlich ist es dir auch nie
wichtig gewesen, ein konkretes Ziel vor Augen zu haben. Du warst schon
immer gut darin, dich treiben zu lassen.
Ich wünschte mir einst, du wärst ein bisschen mehr wie „die anderen“. Weil man sich das als Teenager in den 90ern nunmal so gewünscht hat. Man wollte jene Kleider, die alle trugen, hörte die Musik, die alle hörten. Man erwartete sich das auch von den eigenen Eltern: Mainstream. Doch da hast du nicht mitgespielt und wir haben unsere Kämpfe ausgetragen.
Ich habe dich nicht verstanden.
Heute bin ich dir dankbar. Dafür, dass du mir gezeigt hast, was es
heißt, den eigenen Weg zu gehen. Für den Mut, Dinge zu hinterfragen. Für
diese wunderbar kindliche Begeisterung, die ich heute mit dir gemeinsam
leben darf und meinen eigenen Kindern weitergeben möchte. Ich danke dir
für dein Anderssein. Für jedes Mal, wo ich dich erkläre mit „Ja, meine
Mama ist nun mal so.“ Denn ja, du bist authentisch. Ehrlich. Direkt. Du
bist flatterhaft und stehst dazu. Du bist auch mal übertrieben, und
lachst dann über dich selbst. Du bist dir selbst eine teure Freundin,
verwöhnst dich gern mal, sagst dann „Man lebt ja nur einmal“ ohne es
wirklich zu meinen. Denn du lebst so gerne, dass du gar nicht daran
denken magst, dass dieses eine Mal auch schon alles gewesen sein könnte.
Du bist heute 55 Jahre alt und hast eigentlich kein Problem damit, weil
du insgesamt – nach wie vor – gut mit dir zurecht kommst. Deine Jeans hat
Grasflecken an den Knien, weil du dich beim Fotografieren wieder mal in
eine Wiese legen musstest: Mittlerweile hast du gelernt, das Göttliche
in der Natur zu finden. Und Zuflucht. Denn du magst das Göttliche da
draußen lieber als die meisten Menschen.
Und du liebst die Vögel. Sie sind flatterhaft und schwer greifbar – so
wie du. „Wenn ich sie ablichten möchte, muss ich schon ganz genau
wissen, wo und wie ich ihnen begegne. Es ist vorsichtiges Herantasten.“

Ja, denke ich, so ist das eigentlich auch mit dir.

Doch – ich kenne dich schon mein ganzes Leben
lang.
Heute habe ich dich verstanden.

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