Hexchen

Nach diesem drückenden, heiß flirrenden August war er dann auf einmal da. So von einem Tag auf den anderen. Er kam aus heiterem Himmel – und verhängte ihn dann mit Wolken: der Herbst. Und er brachte diese Sehnsüchte mit, diese wohlige Lust auf Weiches und Warmes, auf Melancholie und Poesie, auf Ingwertee aus der alten Keramik-Blumenkanne und – nach dem Bunt des Waldes.

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Und weil sie den Herbst so sehr liebte, machte sie sich dorthin auf, wo er – so war sie überzeugt – alljährlich seinen Ursprung hatte. Sie ging dort hin, wo sich der Herbst immer als erstes zeigte und von wo aus er sich dann ausbreitete, wie kriechende Farbe: auf den Berg.

Der Wald inspirierte sie. Immer. Bestimmt auch dieses Mal.

An kreative Blockaden hatte sie eigentlich nie geglaubt. Das Schreiben war ihr immer ein Leichtes gewesen. Die Worte und Buchstaben hatten sich seit jeher wie von alleine gebildet. Beinahe ohne ihr Zutun – ja, so schien es ihr – verwandelten sich ihre Gedanken unter ihrer Hand zu Geschichten und Gedichten. Doch ihre Ideen waren leiser geworden. Die Tastenschläge langsamer. Die Gedanken hatte sich irgendwie verheddert, im realen Leben. Sie schafften es nicht mehr, diese Grenze des Verstandes zu überschreiten, um in jene andere Welt einzutauchen und Geschichten in Form von Sätzen und Worten mit zurück in den Alltag zu bringen. Als stünde sie immer ein bisschen neben sich, hatte sie sich durch die vergangenen Tage und Wochen geschleppt. Leere im Kopf. Vielleicht war das Herz zu voll? Der Baumstumpf, auf dem sie saß und Astern beobachtete, die verständnisvoll ihr Haupt im Septemberwind wiegten, war feucht und pochend und warm. Sie lehnte ihren Rücken an einen silbernen Stamm.

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Bauchige Tropfen krallten sich an Birkenblätter. Sie sammelten sich zur Blattspitze hin, bis ihre eigene Schwere sie schließlich zu Fall brachte. Ein Specht klopfte im ewig gleichen Rhythmus – irgendwie ermüdend, so wie auch das letzte Summen dicker Bienen, die noch die Reste einholten vor dem endgültigen Blüten-Aus. Und als sich eine Wolke vor die Sonne schob, schloss sie die Augen, um das Gehör noch mehr zu schärfen, für die Klänge des Waldes und um ihre Innenwelt besser zu fühlen.

Feuchter Nebel kroch über den Boden, spielte mit den Fesseln ihrer Beine. Sie kniff die Augen zusammen. Verdichtete sich der Rauch da hinten etwa? Ja, tatsächlich! Das Grau nahm Form an, erhob sich sogar! War das – ein Mensch? Eine Frau! Sie hatte keine Angst.

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Die Schleierfrau mit dem wallenden Haar, die Nebelfrau, nahm sie lächelnd, aber bestimmt an der Hand und führte sie ins Dickicht. Dicht an dieses rauchig weiße Wesen gedrängt, wagte sie es, einen trüben Schleier zu durchschreiten. Winzig kleine Wassertröpfchen legten sich dabei auf die Härchen ihrer Unterarme. Alles, alles konnte sie fühlen, sie war selbst Gefühl. Und der Nebel verdichtete sich weiter, zog sich zusammen, kringelte sich und bäumte sich vor ihr auf, bis er wiederum Gestalt annahm – nein, das waren viele Gestalten, die dort alle sachte ihren grauen Körper wiegten, im Rhythmus des Waldgesangs. Alles, alles konnte sie hören, sie war selbst Klang. Zing, tirillirili, raschel, rausch. „Hexchen“ lachte eine Nebelfee ihr zu. Und die anderen stimmten heiter in einen Singsang ein: „Hexchen, Hexchen, schreib´deine Geschichte, Hexchen!“ Plötzlich drehte sich der Wald über ihr, nein,  – der Himmel! – und die Wolken tanzten mit den Gestalten, die da Rauch und Klang und Nebel waren. „Schreib, Hexchen, schreib´! Du musst schreiben! Geschichten musst du schreiben! So haben Hexchen das schon immer gemacht!“ säuselte es jetzt von allen Seiten. Das Grau hüllte sie nun vollends ein, nahm ihr den Blick. Alles tanzte einen trüben Reigen, drehte sich, sie war selbst Tanz und dabei wollte sie jetzt anhalten, so schnell ging das herum! „Halt!“ hauchte sie in die Schleier hinein. Sie tastete mit den Händen, versuchte etwas zu fassen, bekam es jetzt doch mit der Angst zu tun.  Sie spürte etwas Hartes, Glitschiges und zog daran so fest sie nur konnte. Hielt sich fest, mit aller Kraft.

Ein Schrei. Sie riss die Augen auf. Sie drehte sich herum. Eine Amsel flog aus einem Blätterhaufen laut schimpfend in die Baumkronen. War sie im Sitzen eingenickt? Sie erschrak. Sah‘ auf ihre Hände, die sich in den bemoosten Birkenstamm gekrallt hatten. Ihr Herz pochte laut in den Wald hinein, doch der war nun still. Dann lächelte sie. Schnell nahm sie ihr Notizheft aus der Tasche. Und begann zu schreiben.

„Nach diesem drückenden, heiß flirrenden August war er dann auf einmal da. So von einem Tag auf den anderen. Er kam aus heiterem Himmel – und verhängte ihn dann mit Wolken: der Herbst. Und er brachte diese Sehnsüchte mit, diese wohlige Lust auf Weiches und Warmes, auf Melancholie und Poesie, auf Ingwertee aus der alten Keramik-Blumenkanne und – nach dem Bunt des Waldes.“

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