Nur ein Gerücht

Es saß einst ein Mädchen allein im Café
über ein Blatt Papier gebeugt,
vor ihr dampfte die Tasse Tee
und so mancher hat sie beäugt.

 

Ihre Augen waren mit Tränen gefüllt,
sie wischte sich übers Gesicht,
ihr ganzes Sein in Gedanken gehüllt –
die anderen Menschen bemerkte sie nicht.

 

Doch raunte und flüstert es an den Tischen
– wer sitzt schon so lange allein in der Bar? –
man hörte es munkeln, so manch’ Zunge zischen,
„das Mädchen ist sonderbar.“

 

„Ich hörte, der Mann hat sie verlassen!
Der Brief richtet sich gewiss an ihn!“
„Vielleicht kann sie es noch gar nicht fassen –
die Beziehung ist gewiss dahin.“

 

„Ich glaub’ sie zu kennen, die ist oft allein.“
„Das ist schon ein seltsames Naturell.“
„Was mag sie wohl schreiben, warum geht sie nicht heim!
Also komisch ist die schon, so ganz generell.“

 

Das Mädchen blickt hoch und schaut versonnen,
pustet aufs Papier, und wischt übers Blatt
so ist ihr die Tinte nicht zerronnen
vom Gedicht das sie geschrieben hat.

 

Sie erhebt sich, bezahlt, verlässt still das Lokal,
die fragende Augen blicken ihr hinterher,
und plötzlich war alles wieder still und normal
und keiner lästerte mehr.

 

Der Kellner schritt zur leeren Tass`
und nahm’ sie mit sich fort,
und auch das Blatt das er dann las’
lautlos, Wort für Wort.

 

Er nahm den Brief,
und senkte das Haupt,
als er „Hört!“ in die Menge rief
und dann las er laut:

 

„Es saß einst ein Mädchen allein im Café
über ein Blatt Papier gebeugt,
vor ihr dampfte die Tasse Tee
und so mancher hat sie beäugt.

 

Ihre Augen waren mit Tränen gefüllt,
sie wischte sich übers Gesicht,
ihr ganzes Sein in Gedanken gehüllt –
denn was man sich erzählte, war nur ein Gerücht.

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