DOC, DOP, TOP – Die Langhe, Nabel der Feinschmeckerwelt

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Die Genießer retten die Welt! Wer ein paar Tage in den Langhe, im Piemont, dem Land der grün leuchtenden Hügel verbringt, versteht, was mit diesem Satz gemeint ist. Der Piemonteser hat eine so dermaßen ausgeprägte Leidenschaft für puren, natürlichen Geschmack, für hochwertige Zutaten und deren Zubereitung, dass das Produzieren und Verwenden reiner oder gar biologisch angebauter Lebensmittel absolut selbstverständlich ist! Die Achtung vor der Natur entspringt dem tiefen Bedürfnis nach wirklich guten Geschmäckern, der Passion fürs Kochen und Essen.

Wer in der Casa Scaparone ankommt, erlebt die piemontesische Inszenierung des Essens sofort, noch bevor er das gebuchte Zimmer betritt. Ein Glas kühlen Weißweins, begleitet von einer kleinen Portion „Tajarin“ (dünne Eierbandnudel) mit hausgemachtem, ganz einfachem Bio-Tomatensugo und Taggiasche Oliven soll uns einstimmen. Das Zeitgefühl geht sofort verloren. Das Gepäck in der Ecke wartet und wartet.

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Zwischen Lavendel, Oleander und von Bienen umschwärmtem Salbei ist all das Urlaubs-Programm, das man sich für Tag 1 vorgenommen hatte, plötzlich wie weggeblasen. Der Weißwein steigt schell zu Kopf. Die Pasta trifft mitten ins Herz. Endlich Einfachheit.

Vom Hügel hinter dem Haus blickt man auf etliche weitere. Die Sonne wird langsam goldener, am milchigen Horizont bäumen sich die Wolken auf. Die vielen Haselnussbäume, mit ihren Raschelkronen, werfen schon lange Schatten. Das Grün der Weinberge hingegen leuchtet noch im letzten Schein der Abendsonne. In den jungen Kornfeldern wackeln die Mohnblumen weise mit den Häuptern. Und die Ähren verbeugen sich vor dem Wind.

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Rund um die uralten Mauern der Casa Scaparone kann man dem Essen bei Geburt und Wachstum beinahe zusehen. Die Biodiversität in diesem weitläufigen Garten überrascht. Ein Reigen aus Kräutern, Beeren, Gemüse, Nüssen, Obst. Liebevoll geformte Hügelbeete, dazwischen Kompost, der den natürlichen Dünger liefert. Und dazwischen immer: Raum für Wildnis, Blumen für Bienen. Hier fühlt man sich verbunden. Mit allem.

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Eine Frau legt eine Handvoll frisch gepflückter Kirschen auf unseren Tisch. „Assagiate!“ Ein Bauer am Nachbartisch hat dem Restaurant gerade frischen Käse geliefert. „Schafe und Ziegen hält man in den höheren Lagen der Hügellandschaft.“ erklärt er. „Das wichtige ist, dass die Milch aus nur einem Stall kommt. Und – wenn du guten Käse willst, behandle deine Ziegen wie kleine Prinzessinnen! Füttere sie mit dem Besten, dann schmeckst du im Käse jedes Kräutlein.“

18.00 Uhr. Aperitivo-Zeit. Weil unser kleiner Großer sich auf Erkundungstour begibt, wird der Moment zur Zweisam-Zeit. Es prickelt. Das ist der Schaumwein – aber nicht nur.

 

Die langen, handgedrehten Grissini aus Bio-Vollkornmehl und viele schwarze Oliven wecken jetzt Appetit auf mehr.

Im Restaurant Scaparone. Das Menü überrascht. Vielleicht, weil man den Italiener als kulinarischen Traditionalisten im Kopf hat, ihm Innovation oder gar Avantgarde irgendwie nicht zumutet. Wer vegan speisen möchte, hat hier eine so wohlklingende Auswahl, dass man beinahe versucht ist, die eigenen fleischlichen Gelüste zu ignorieren und sich auf das Degustationsmenü einzulassen. Fast. Wir entscheiden uns doch für Battuta die Manzo mit Olivenöl, für mit Steinpilzen gefüllte Törtchen mit Brokkoli-Cremesauce, für Hasenkeulchen mit Gemüse-Ratatouille und jungen Kartoffeln. Der Wein begleitet uns durchs Abendessen. Unser Junior-Feinschmecker, versucht die Tajarin und bekommt sie frisch aus der Pfanne geschöpft. Die Pannacotta ist ein Muss, meint der freundliche Kellner, Platz hätte sie eigentlich nicht mehr. Dann aber schmeckt sie so süß und frisch zugleich – das verlangt nach dem Digestivo des Hauses, einem Kräuterschnaps, der etwas Nussiges hat und von dem ich nicht genug bekommen kann.

Wir kurven über rollende Hügel, probieren Schaumwein im hübschen Ort Barolo, kaufen Delikatessen, wo immer ein kleines Lädchen frische Köstlichkeiten anbietet und genießen mittags hauchdünn geschnittenen Rohschinken, Walnussgrissini, Ziegenkäse und schwarze Schoko-Trüffel als Dessert. Wir laufen und radeln zwischendurch ein paar Kilometer, gerade so viele, dass man Landschaftsbilder im Vorüberrauschen aufsaugen kann und genügend Kalorien für ein ausgiebiges Abendessen verbrennt.

Langhe-Piemont-Rennrad-5Die Suche nach der besten Trattoria. Bei so viel Restaurant-Auswahl fragt man am besten die Einheimischen. Da will einer den anderen mit Tipps übertrumpfen. Schlussendlich kurven wir uns zur Trattoria Madonna di Como. Ein charmanter Gastwirt mit unglaublichem Bauchumfang schwingt sich aus der Küche, deutet uns an einen Tisch. Er erinnert mich an Bacchus. Und wenn ich mich so umsehe, die 1.000 Weinflaschen in den Regalen erblicke, glaube ich fast, dass er es ist.

Hier hat man nicht die Qual der Wahl, man sagt nur sí oder no zu dem, was gefragt wird, denn das Menüprogramm steht bereits fest, es wird einfach Querbeet aufgetischt, von allem wieviel man möchte. Die Bezeichnung All-You-Can-Eat wäre aber eine Beleidigung für dieses Genussschauspiel. Tartar eröffnet den ersten Akt, mit Frischkäse und Kräutern gefüllte Ravioli machen Lust auf mehr. Tajarin mit feinstem Ragout sättigen schön langsam und die gefüllten Peperoni erledigen den Rest. Für all die Köstlichkeiten, die der Gastwirt dort am Grill wendet, bleibt kein Platz. Ein Dessert, ja das schon. Ein Schnaps. Nein, zwei. Eine Flasche Wein als Erinnerung und ein Stück vom frisch gebackenen Haselnusskuchen gibt Bacchus uns für die Heimreise mit. „Signora Mamma.“ lacht er, als ich ihm beschwipst und überschwänglich meine Hochachtung für seine Kochkünste ausdrücke. „Nicht das Kochen ist eine Kunst, Signora Mamma, sondern das Genießen.“ Insofern bin ich eine wahre Künstlerin. Und die Langhe … Ja, die Langhe sind ein kulinarisches Meisterwerk.

Eure Mia

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