Das Leben ist ein Zirkuszelt – Von der Unterhaltsamkeit des Einfachen

Jeder kennt sie, diese Tage, an denen alles ein bisschen schiefer läuft als gewöhnlich und man demnach laufend ein bisschen schlechter gelaunt ist als üblich. Was man an solchen Tagen möchte? Sich verkriechen, Schokolade oder Wein zu sich nehmen – ein bisschen mehr als sonst -, sich in der eigenen üblen Laune wiegen. Was man nicht möchte: aus dem Haus gehen und etwas unternehmen. Und schon gar nicht aus dem Haus gehen, um etwas zu unternehmen, das auch noch die Absicht hat, unterhaltsam oder gar lustig zu sein. Ganz schön doof, wenn man ausgerechnet an solchen Tagen dem großen und dem kleinen E das Versprechen gegeben hat, in den Zirkus zu gehen.

Multitasking – Eine Frechheit

Na Gott sei Dank passt diese kilometerlange Warteschlange an der Zirkuskasse ja perfekt ins Schema mieser Tag. Es ist kalt, zum erstem Mal in diesem November, und das kleine E weint ein bisschen vor sich hin. Vor und hinter mir quängeln Kinder aller Größen. Die Eltern versuchen sich tapfer zu halten, ihre Miene aber verrät: Auch sie sind jetzt ein bisschen schlechter gelaunt als üblich. Man verbrüdert sich: Also, das hätten die auch besser organisieren können, ja, das geht ja gar nicht voran hier, ist denn da überhaupt jemand an der Kasse. Die ältere Dame, die Tickets verkauft, verkauft nicht nur gleichzeitig Getränke und Popcorn. Nein, sie springt immer wieder aus dem Kiosk und ins nahe Zirkuszelt, um dort den Leuten die Plätze zuzuweisen. Jedes Mal begleitet vom Murren der Menschenschlange an der Kasse. „Das nenne ich mal Multitasking.“ ich spreche den Gedanken laut aus. „Das nenne ich mal eine Frechheit.“ murmelt ein Opa, auf dem zwei Kinder herumturnen, in seinen Bart.

Die kleinste Crew der Welt

Das Zirkuszelt platzt aus allen Nähten, die Luft ist erfüllt von Schweiß und Popcornduft, die Scheinwerfer gehen an und ein Zirkusdirektor betritt die Manege. Die Kleinen sind jetzt noch gespannter, die Großen vorerst ein bisschen entspannter. Der kleine Emilio, höchstens 8 Jahre alt, zeigt seine Jonglier- und Balancierkünste. Die Kinder staunen, die Erwachsenen finden‘s niedlich. „Alez-hop!“ Ein ums andere Mal macht der Kleine einen Diener, genießt sichtlich seinen Beifall.

Die Kinder brechen in Jubel aus, als der Clown Chico ins Zelt hereinplatzt. Die Eltern indes schauen ernst in die Runde. Sie haben mittlerweile wohl realisiert, dass hier keine Tiger durch Reifen springen und keine Akrobaten durch die Lüfte wirbeln werden. Und soeben raunt es durch das Publikum: „Der Clown – das ist doch die Dame von der Kasse!“ Die gesamte Zirkusvorstellung – eine 3-Man-Show!?! „Ja, gibt‘s denn sowas.“ Die Großen wissen nicht, was sie davon halten sollen. Den Kindern aber, ist es egal.

Einfach. Erstaunlich.

Der Clown ist wirklich lustig, zugegeben – der hat Talent. Mir entweicht so mancher Lacher, der so rein gar nicht mehr ins Schema mieser Tag passt. Ich lasse mich ein, auf das ganz Einfache, was bleibt mir auch anderes übrig. Und – ich gestehe – es fühlt sich gut an. Eine Zirkusvorstellung dieser Art muss man halt mit Kinderaugen sehen. Vielleicht sollten wir Erwachsenen das Staunen wieder lernen? Das Staunen über das Einfache. „Naja, so einen Tisch auf der Stirn balancieren, das ist jetzt nicht gerade ein Kunststück.“ „Ach, könnten Sie das denn?“ frage ich meinen Sitznachbarn zurück. Er schüttelt den Kopf.

Eben.

Wie sich Sichtweisen ändern können

In der Pause stehen begeisterte Kinder und verwirrte Eltern in Grüppchen zusammen, so ein bisschen auf Pinguinmanier, wohl um sich zu wärmen. „Was hältst du jetzt davon?“ Achselzucken. „Den Kindern gefällt‘s, das ist das Wichtigste.“ Eine Frau blickt in die Runde. „Ja, kennt ihr denn nicht die Geschichte des Circus Brumbach?“ Ratlose Blicke begegnen sich. „Das war doch ganz tragisch. Da hat doch die Zirkuscrew 5 Familienmitglieder verloren. Das stand doch groß in der Zeitung, damals, das war doch die Geschichte, von dem Müllauto, das ins Zelt gekracht ist. Dass die jetzt trotz allem alleine, also zu dritt weitermachen, das ist doch einfach unglaublich, nicht wahr?!“ Betretenes Schweigen. Wer besonders laut gemeckert hat, schämt sich jetzt in seinen Mantelkragen hinein. „Ja, das ist wirklich unglaublich.“

Ein bisschen Manuela sein

Begrüßen Sie mit miiiiiiiiieeeeer … Miss Manuelaaaaaaaaah.“ brüllt der Zirkusdirektor in sein Mikrofon. Auf der Bühne ist ein Drahtseil gespannt. Und über dieses balanciert nun, die Leibesfülle in ein enges Silberkostüm gezwängt und das Haupt federgekrönt, – genau! – die Dame von der Kasse. Dass sie sich vor Konzentration auf die Lippe beißt, kann ich von der letzten Reihe aus sehen. Langsam schreitet sie über das Seil, der Regenschirm zittert angespannt in ihrer Hand. Sie schafft es erstaunlich geschickt bis zur anderen Seite! Dort strahlt sie stolz ins Publikum, winkt wie eine echte Miss erhobenen Hauptes in die Reihen. Warum mir jetzt Tränen in die Augen treten, weiß ich nicht genau. Vielleicht, weil ich mich meiner üblen Laune ein bisschen schäme. Meine Sorgen verdienen es doch nicht mal, so bezeichnet zu werden. Vielleicht aber auch, weil ich mir manchmal wünschte, ein bisschen mehr Miss Manuela zu sein. Ich wünschte mir, die Balance zu halten, im Alltag. Die vielen Rollen, die er mir so abverlangt eben so wie Miss Manuela souverän und immer erhobenen Hauptes zu meistern. Und weiterzumachen. Immer.

Das Leben ist manchmal ein Drahtseilakt.

Immer aber ist es ein Zirkuszelt.

Ich wünsche dem Circus Brumbach von Herzen weiterhin viel Erfolg und bedanke mich, für eine so unterhaltsame und außergewöhnlich lehrreiche Vorstellung.

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