Alm-Detox im Selbstversuch oder 4 Dinge, die der Berg mich lehrt

Die Axt kracht in den Holzblock. Er splittert, birst meist aber erst beim dritten Schlag. Dabei lege ich eigentlich richtig viel Kraft in meinen Armschwung! Ich stelle mir vor, dass jedes Stück Baumstamm, das da hübsch zurecht gesägt vor mir auf dem Hackstock liegt, eine kleine Sorge ist, die sich in den letzten Wochen in mir breit gemacht hat, und die ich jetzt einfach so zerschlagen darf. Tja. So ein Almleben – pure Therapie ist das. Hau-hack.

Jedes Jahr aufs Neue bin ich gespannt, ob ich es noch drauf habe, dieses ganz und gar naturverbundene Leben. Und mit naturverbundenem Leben meine ich nicht einfach nur ein paar Wiesenblumen bestimmen, nach Rehen spähen oder abends erstmal Feuer machen, um kochen zu können. Es geht viel mehr um diesen bewussten Verzicht auf alles, was NICHT Natur ist, auf eine ganze Reihe von Luxus, den man im „echten“ Leben gar nicht mehr als solchen bezeichnen würde, da man sich schon so sehr an ihn gewöhnt hat.

Hier, auf dieser kleinen Alm, gibt es kein fließendes Wasser, kein elektrisches Licht, kein Internet. Ich verzichte zudem auf Schuhe, jegliche Kosmetik und – nehme sowieso nur das Allernotwendigste mit auf den Berg. Das klingt alles sicher einfacher, als es tatsächlich ist. Ich brauche nach wie vor immer erst ein Weilchen, um mich an Ruß an den Händen und Harz an den Füßen zu gewöhnen, obwohl ich schon das 7. Jahr in Folge mit meinen Lieblingsmenschen eine Woche Off-Zeit in den Bergen verbringe.

 

„Ohne Strom – und doch so voller Energie. Ohne fließend Wasser – und doch ist alles im Fluss. Ohne Netz – um ganz viel Neues zu empfangen.“

 

1. Nur Sonne und Wasser auf der Haut

Ich mag meine Hände, denen man das Arbeiten auch endlich mal ansieht: Erde unter den Nägeln, Harz an den Fingern und ein paar Kratzer, gleichmäßig über die Handrücken verteilt. Barfußfüße mit erdschwarzen Zehen und grasgrünen Fersen. Ungeschminkt, mit wildem Haar. Er kommt immer, dieser magische Moment, wo man sich da stehen sieht, zerzaust, mit sonnenverbrannter Nase und schmutzigen Knien. Und man sich so rein fühlt, wie sonst nie.

1. Die eigenen Grenzen testen

Alleine-Sein erfordert Mut. Vor allem nachts. Vor allem auf einer Hütte, mitten im Wald. Denn fantasievolle Menschen wie ich einer bin, erkennen im Schatten der Dämmerung lauter seltsame Gestalten. Ein ums andere Mal lässt ein Knacken im Gebälk mich aus dem Bett hochfahren. “Schleicht da jemand ums Haus herum?” fragt die Angst. “So ein Blödsinn; wer sollte das denn sein?” fragt der Verstand zurück. Und die Nacht wird zum mentalen Hickhack.

Wie mutig bin ich eigentlich? Wo sind meine Grenzen? Wie haben sie sich verschoben? Wie lange kann ich im klirrkalten Bachwasser stehen? Wie hoch wage ich mich auf einen Baum? Wie sehr brennt eigentlich Brennessel sammeln? Wage ich es, früh morgens gleich nach dem Aufwachen mein Gesicht ins eisige Bachwasser zu tauchen? Nie ist man so schnell putzmunter!

3. Im neuen Rhythmus

Wer nie auf die Uhr schaut, wer den Dingen ihren Lauf und sich selbst einfach mal wieder Zeit lässt, findet bald einen neuen Rhythmus. Aufstehen, wenn der Tag anbricht. Wann es Mittag ist, sagt einem verlässlich das Bauch-Gefühl. Und die Dämmerung kündigt den Abend an. Mehr muss man doch eigentlich gar nicht wissen! Und alles, was dazwischen passiert, dauert, so lange es eben dauert. Abspülen? Zuhause ein Knopfdruck. In den Bergen ein Aufwand von über einer Stunde. Holz holen – Feuer machen – Wasser wärmen – Zuber füllen – Geschirr spülen – es von der Sonne trocknen lassen – alles wieder wegräumen. Repeat.

4. Ein bisschen platzen, vor Freude

Eine lange Ameisenstraße. Das Nest eines Buntspechts mit Sprösslingen darin. Und die Brunnenkressefelder da, am Bach. “Schaut her!” Meine Entdeckungen teile ich immer lauthals mit den Kindern – und umgekehrt. Wir stecken uns gegenseitig mit der Freude über die kleinen großen Wunder des Berges an. Wir fangen abends Glühwürmchen, sammeln wilden Thymian, werden schwindelig vom In-die-Sterne-schauen und tanzen in Unterhosen über die Wiesen. Die Momente, an denen ich vor Glück fast zu zerspringen glaube, häufen sich, wenn ich hier in den Bergen bin.

 

„Die Natur ist ein Spielplatz, der mein inneres Kind wieder wach kitzelt, so lange, bis es gluckst und springt und kichert vor Glück.“

 

Eine Woche! Nur 7 Tage. Das klingt so wenig, ist aber so viel! Wie alles im Leben, sind eben auch 7 Tage in den Bergen genau das, was man daraus macht, nicht mehr und nicht weniger. Und für mich sind sie jedes Mal aufs Neue eine Art Selbsterfahrung und die Erkenntnis, wie wenig es im Grunde braucht, um glücklich zu sein. Oder aber – die Erkenntnis, dass das vermeintlich „Wenige“ eigentlich ganz schön viel ist! Wenn ich mit meinen Kindern abends im angenehm eingeheizten Stübchen sitze und wir drei unsere Nasen zum Fenster raus und der kühlen Abendbrise entgegen halten, wenn wir in Anbetracht der im Abendrot glühenden Berge still und –  ja – fast ein wenig andächtig werden, dann fühle ich, dass ich im Grunde schon längst erreicht habe, wonach ich die meiste Zeit hektisch strebe: Zufriedenheit.

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One thought on “Alm-Detox im Selbstversuch oder 4 Dinge, die der Berg mich lehrt

  1. Wunderbar einfacher, weil einfach wahr und schön, und bezaubernder Text! Danke für die Erinnerung, dass die Natur uns alles wesentliche lehrt und wir nur Augen, Ohren, Herz dafür öffnen müssen ❤️🙌🥰🤗

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